Einleitung - Die Krise der Pädagogik

Die gute Nachricht vorweg: Ein Kind, das von seinen Eltern erwünscht wurde und willkommen geheißen wird, das zwölf Monate lang gestillt wurde und eine sichere Bindung zu seinen primären Bezugspersonen aufbauen konnte, weil es in ihnen verlässliche, wohlwollende und responsive Partner und Beschützer gefunden hat – ein solches Kind hat gute Chancen, von den Missständen in Kitas, die in diesem Buch der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden, keine dauerhaften Schäden davontragen zu müssen, vorausgesetzt, dass es nicht zu früh einer Fremdbetreuung ausgesetzt wurde.


Die Kinder allerdings, die nicht so viel Glück hatten, die von ihren Eltern weniger oder gar nicht erwünscht wurden und in ihnen keine verlässlichen Partner und Beschützer gefunden haben, die schon zu Beginn ihres Lebens mit emotionaler Kälte und Distanziertheit und vielleicht sogar psychischer und physischer Gewalt zurande kommen müssen, weil ihre Eltern sie als lästig empfinden, Kinder, die trotz ihrer Hilflosigkeit und Sensibilität nie Liebe und Akzeptanz erfahren haben – diesen Kindern wird in minderwertigen Kindergärten eine Chance genommen, wenigstens für ein paar Stunden an den Wochentagen einen kleinen Ausgleich für die traurigen und bedrohlichen Lebensumstände, in die sie nur durch Zufall hineingeboren wurden, zu erhalten. Diesen Kindern ist dieses Buch gewidmet.


Von 2009 bis 2016 habe ich in insgesamt sieben verschiedenen Kitas in Berlin gearbeitet, in den ersten zwei während meiner Ausbildung und in weiteren fünf als staatlich anerkannter Erzieher. Bereits in der ersten Kita fielen mir viele Erzieherinnen auf, die offensichtlich kaum Freude an der Arbeit mit Kindern empfanden, die immer nur das nötigste im Umgang mit ihnen taten, nie ein überflüssiges Wort an sie richteten, nie mit Kindern scherzten oder herumalberten, nie mit ihnen spielten. 

 Erzieherinnen, die die Kinder regelrecht mieden und 

ihrerseits von ihnen gemieden wurden. Ich dachte damals, ich wäre wohl in einer besonders schlechten Kita gelandet und woanders könne der Anteil desinteressierter Erzieherinnen nicht ähnlich hoch sein. Ich setzte meine Ausbildung fort. Heute muss ich sagen: Es kam gänzlich anders, als erwartet. Die Kitas wurden nicht besser, sondern schlimmer. Die erste Kita war bereits die beste Kita, die ich überhaupt kennengelernt habe. Denn in dieser Kita war der Anteil desinteressierter Erzieherinnen gar nicht so hoch – jedenfalls im Vergleich zu den nachfolgenden Kitas nicht. Und vor allem gab es in dieser ersten Kita nicht die Sorte von Betreuern und Kita-Leiterinnen, die man wohl als den Fluch der gesamten Kindergartenpädagogik bezeichnen muss: autoritäre Erzieher und Erzieherinnen. 


Viele Außenstehende haben die Vorstellung, Kindergärten wären eine Insel der Harmonie, in der stets wohlwollende Betreuer nichts anderes im Sinn hätten, als den ihnen anvertrauten Kindern einen glücklichen Tag zu bereiten, an dem es ihnen an nichts mangeln soll. Und wenn man lediglich die Selbstbeschreibungen dieser Einrichtungen in ihren Broschüren und die Selbstdarstellungen der Erzieher und Erzieherinnen als Informationsquelle zur Verfügung hat, ist es alles andere als verwunderlich, dass sich dieser Eindruck einstellt. Doch hinter dieser so sorgfältig für die Öffentlichkeit drapierten Fassade verbirgt sich eine gänzlich andere Welt, in der es plötzlich gar nicht mehr so harmonisch zugeht, eine Welt, in der die Kinder bestenfalls ab und zu im Mittelpunkt stehen, eine Welt, die vor den Eltern fein säuberlich verborgen gehalten wird. Um hinter diese Fassade schauen zu können, nützt es auch nichts, Bücher über Kindergärten zu lesen. Literatur zur Kindergartenpädagogik hat so gut wie nichts mit der Realität in Kindergärten zu tun – wie zwei vollkommen verschiedene Welten eben, die sich nur in ihrer äußeren 

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Erscheinung ähneln. So wie das Blatt eines Baumes und ein Insekt, das im Laufe der Evolution zur Tarnung die Form eines Blattes angenommen hat: Beide sehen sich äußerlich zum Verwechseln ähnlich, doch ihre innere Struktur ist vollkommen verschieden. 


Als mir so langsam bewusst wurde, dass ich die beste Kita schon gesehen hatte und alle nachfolgenden von Mal zu Mal schlimmer wurden, begann ich mich noch intensiver mit Inhalt und Geschichte der Pädagogik auseinanderzusetzen. Ich wollte die Hintergründe dafür verstehen, warum die Literatur über Kindergärten ein von der Realität in Kindergärten so völlig verschiedenes Bild vermittelt. Schließlich hat Pädagogik ja den Anspruch, eine Wissenschaft zu sein: die Wissenschaft von Bildung und Erziehung. Wissenschaft ist – jedenfalls nach meinem Verständnis – die systematische und kritische Suche nach der Wahrheit. Und das sollte auch eine möglichst an der Realität orientierte Darstellung der Fakten beinhalten. Doch genau das liefert die Literatur zur Kindergartenpädagogik eben nicht: eine systematische und kritische Darstellung der realen Verhältnisse in Kindergärten. Liest man Literatur über Kindergärten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wüssten die meisten Autoren gar nicht, wie es wirklich in Kindergärten zugeht, als hätten sie keine eigenen Erfahrungen gemacht, weil sie nie (mit Ausnahme eines Praktikums in einer Muster-Kita) selber in Kindergärten gearbeitet haben. Autoren, die über Kindergartenpädagogik schreiben, schreiben darüber, was sie über Kindergärten gelesen haben und wie sie sich den Umgang mit Kindern wünschen. Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Das ist Dichtung.


Dieses Buch ist anders als alles, was Sie jemals über Kinder oder Pädagogik gelesen haben. Dieses Buch geht an die Substanz. Es berichtet schonungslos über die wahre Natur des Verhältnisses der Erwachsenen-Generation zur Kinder-Generation. Es berichtet darüber, was der Erziehungswissenschaftler Ludwig Liegle als „instrumentelles Verhältnis“ von Erwachsenen zu Kindern bezeichnet, und ich als „Doppelmoral“, das sich unter anderem auch in Kinderarbeit und Kindesmisshandlungen 

 

äußert. Es berichtet auch über die drei großen Transformationen in der Geschichte der Menschheit: die Menschwerdung, die Sesshaftwerdung und die Industrielle Revolution. Bei allen drei grundlegenden Wandlungen der Lebensweise der Menschheit standen die Kinder und ihre Versorgung im Zentrum der Veränderungen – und Kinder haben stets die meisten Opfer dafür erbracht. Doch was hat das mit dem Kindergarten zu tun? 


In allen Fällen spielte die kooperative Jungenaufzucht eine wesentliche Rolle. Ohne kooperative Jungenaufzucht, das gemeinsame Versorgen des Nachwuchses, gäbe es gar keine Menschen. Bei den Menschenaffen, unseren nächsten Verwandten im Tierreich, müssen die Mütter ihren Nachwuchs alleine aufziehen. Es gibt dort keine gemeinschaftliche Versorgung der Kinder. Doch Menschenaffenbabys sind sehr anspruchsvoll. Sie müssen vier bis sieben Jahre lang gesäugt werden, ehe sie selbständig werden. Solange die Mütter ihre Babys säugen, werden sie wegen des erhöhten Prolaktinspiegels nicht erneut schwanger – eine weise Einrichtung von Mutter Natur, denn zwei Säuglinge würden die Affenmutter auszehren. Wegen des so entstehenden langen Geburtenabstands und der hohen Kindersterblichkeit können Menschenaffen gerade genügend Nachwuchs großziehen, um nicht auszusterben. Doch Menschenkinder benötigen wegen ihres dreimal so großen Gehirns noch viel länger als Affenkinder bis zu ihrer Selbständigkeit. Unter den natürlichen Bedingungen der Steinzeit, vor etwa zwei Millionen Jahren, als ein rasantes Hirnwachstum einsetzte und die Menschheit sich entwickelte, mussten unsere Vorfahren sich etwas einfallen lassen, um ihre Kinder groß zu bekommen. Wären die Mütter damals weiterhin auf sich alleine gestellt geblieben, hätte unsere Vorfahren das gleiche Schicksal ereilt, wie den mindestens zehn anderen Menschenarten, die seit damals entstanden sind: Sie wären ebenfalls ausgestorben. Nur die kooperative Jungenaufzucht hat die Menschheit überleben lassen. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen war es sogar die kooperative Jungenaufzucht, die überhaupt erst Homo sapiens hat entstehen lassen. Denn einige der Kooperationspartner waren selbst noch halbe Kinder.

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So entstand die unter Primaten einmalige Sozialform der menschlichen Familie mit verschieden alten, abhängigen Kindern, die zum Brutkasten von Homo sapiens wurde: Eltern zwangen ihre älteren Kinder, bei der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister zu helfen. Wer nicht mitmachen wollte, bekam einfach nichts mehr zu essen. Doch die Menschwerdung hatte ihren Preis, einen fürchterlichen Preis: die Vertreibung aus dem Paradies. Das Paradies war in diesem Fall die bedingungslose Mutterliebe. Warum wir für das Privileg, uns zu Menschen weiterentwickeln zu können, den fürchterlichen Preis des Verlustes der bedingungslosen Mutterliebe bezahlen mussten – ein Verlust, der zu vielen Grausamkeiten während der Menschheitsgeschichte geführt hat und immer noch führt und der für viele Menschenkinder, im Gegensatz zu den Kindern der Menschenaffen, starke psychische Belastungen nach sich zieht und zahllosen zum Verhängnis wurde – erläutere ich im ersten Teil dieses Buches. 


Auch für die Sesshaftwerdung – die notwendige Voraussetzung für das Entstehen der menschlichen Zivilisationen - dürften Kinder eine entscheidende Rolle gespielt haben und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens waren es die schwangeren Frauen und die Mütter mit kleinen Kindern, die das größte Interesse an der Sesshaftwerdung hatten, weil die nomadische Lebensweise für sie besonders anstrengend ist. Zweitens war die Sesshaftwerdung nur zum Teil eine Erfolgsgeschichte, denn sie ging mit dem Entstehen unzähliger Infektionskrankheiten einher. Wegen des engen Zusammenlebens von Mensch und Tier konnten Krankheitserreger leicht die Artgrenze überwinden und auf den Menschen überspringen und durch die Bevölkerungszunahme konnten Infektionskrankheiten sich besonders gut ausbreiten. Die Bevölkerungsgruppe, die den höchsten Blutzoll an die neue Lebensweise zu entrichten hatte, waren die Kinder, denn ihr Immunsystem ist noch anfälliger, als das von Erwachsenen. Doch was bei den Menschenaffen wahrscheinlich zum Aussterben geführt hätte – das Auftauchen zahlloser neuer Krankheiten – konnten Menschen ausgleichen: dank der kooperativen

Kinderaufzucht. Durch die kooperative Brutpflege können Menschenfrauen fast jedes Jahr ein Kind bekommen. Davon können Menschenaffenmütter nur träumen. Menschen können sich in rasender Geschwindigkeit vermehren, eine Fähigkeit, die wiederum eine der Voraussetzungen für die Industrialisierung war, die einen enormen Bevölkerungszuwachs benötigte: für billige Arbeitskräfte und große Absatzmärkte.


Wenn wir an die Industrielle Revolution denken, denken wir meist an Dampfmaschinen, Stahlfabriken und Eisenbahnen. Doch diese Entwicklungen hatten eine unspektakulär erscheinende, aber nichtsdestoweniger notwendige Vorgeschichte, und dabei spielte zunächst nicht die Dampfmaschine die entscheidende Rolle, sondern eine andere Maschine, die Mutter aller Maschinen: die Baumwollspinnmaschine. Die Industrialisierung begann nicht mit Kohle und Stahl, sondern mit Baumwolle. Die ersten Fabriken waren Baumwollspinnfabriken. Und dreißig bis fünfzig Prozent der Arbeiter in diesen Fabriken waren Kinder. Die meisten Arbeiten rund um Baumwollspinnmaschinen bestehen aus eintönigen Routinehandgriffen, die jedes Kind erledigen kann. Da aber die Investitionskosten für die Maschinen außerordentlich hoch waren, wollten die Fabrikbesitzer nur die geringst möglichen Löhne zahlen. Kinder erhielten nur etwa ein sechstel des Lohns eines Erwachsenen. Dafür mussten sie bis zu zwölf Stunden am Tag und sechs Tage die Woche in dunklen (elektrisches Licht war noch nicht erfunden), lärmenden und mit Baumwollflusen gesättigten Fabriken ihre Kindheit verbringen, während die Kinder aus den oberen Gesellschaftsschichten zur Schule gingen. Dass die Fabrikkinder wie die Fliegen starben, kümmerte niemanden, denn die kooperative Jungenaufzucht sorgte für unerschöpflichen Nachschub. 


In dieser Zeit, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entstand eine neue Form der kooperativen Jungenaufzucht, die das zentrale Thema dieses Buches bildet: der Kindergarten. Denn obwohl es durchaus Versuche gab, erwiesen sich Kinder unter sechs Jahren 

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als zu wenig geeignet für die Fabrikarbeit und andere Arbeiten. Wegen der sich ausbreitenden Lohnarbeit, nicht nur im industriellen Sektor, konnten die Eltern sich kaum noch um ihre Kleinkinder kümmern. Sie blieben oft ganze Tage allein zu Hause eingesperrt. Viele verwahrlosten und lungerten auf den Straßen herum. Ein winziger Bruchteil dieser Kinder im Vorschulalter wurde in den ersten Betreuungseinrichtungen versorgt. 


Doch etwas ist anders, in der seit der Zeit der Industriellen Revolution aufgetauchten, neuen Form der kooperativen Kinderaufzucht: Diesmal sind es keine Verwandten mehr, die sich gegenseitig unterstützen und diesmal sind es keine kleinen Gruppen, in denen nur wenige Kinder aufwachsen. Unsere heutigen Kinder müssen wieder einmal mit einer, in der Menschheitsgeschichte völlig neuen Herausforderung zurecht kommen: Sie müssen sich in anonymen, riesigen Kindergruppen von fremden Erwachsenen betreuen und belehren lassen. Wer weiß, welche Gefahr fremde Erwachsene für Kinder während der gesamten Evolution der Menschheit bedeuteten, kann sich in etwa ausmalen, welches Gefühl an Bedrohung dies bei Kindern auslösen kann. 


Fremde Erwachsene sind bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, die tödlichste Gefahr für Kinder. Menschenkinder mussten sich während der Entwicklung zur Menschheit mit dieser Gefahr auseinandersetzen. Wer allzu vertrauensselig fremden Erwachsenen gegenübertrat, befand sich nicht selten in allerhöchster Lebensgefahr. Kinder, die gebührenden Abstand hielten, hatten bessere Überlebenschancen. Deshalb ist die Angst vor fremden Erwachsenen bis heute Bestandteil des Empfindungs- und Verhaltensrepertoires von Kindern. 


Die zweite neue Herausforderung betrifft die Größe der Kindergruppen. Während der nomadischen Lebensweise in der Steinzeit, dem Pleistozän, zogen Menschen in Gruppen von etwa 25 bis 35 Mitgliedern 

umher. Davon waren höchstens eine handvoll Kinder im Vorschulalter. Diese wurden in der Regel von allen anderen, älteren Mitgliedern umhegt und umpflegt. Wenige Kinder, kaum gleichaltrige, standen einer Überzahl von meist Bluts- oder angeheirateten Verwandten gegenüber, die ein langfristiges, existentielles Interesse an ihrem Wohlbefinden hatten, da sie die Rentenversicherung ersetzten. Für diese Kinder gab es nur wenige gleichaltrige Konkurrenten. Die modernen Kindergärten sind also gleich in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung, an die Menschenkinder nicht angepasst sind: Sie werden dort von nicht-verwandten, nicht immer wohlwollenden Erwachsenen dominiert und sie befinden sich in einer verschärften Konkurrenzsituation wegen der Masse an gleichaltrigen Kindern, mit den gleichen Bedürfnissen und Wünschen, die zur selben Zeit auf die begrenzten Ressourcen – Aufmerksamkeit, Spielzeug, Spielpartner – zugreifen wollen. Deshalb gilt:


Kindergärten sind trotz ihres irreführenden Namens keine natürliche Entwicklungsumgebung für Kinder!


Eltern sollten deshalb grundsätzlich die Äußerungen von Kita-Erziehern und Erzieherinnen immer mit einer gehörigen Portion Skepsis aufnehmen. Doch Vorsicht: ohne sich diese Skepsis anmerken zu lassen, um ihr Verhältnis zu den Erzieherinnen nicht unnötig zu trüben! Denn Erzieher und Erzieherinnen halten sich für Experten – und das sind sie auch: Experten in der eigenen Kosten/Nutzen-Optimierung. Erziehungstipps, die Kita-Betreuer den Eltern geben, haben vor allem ein Ziel: Sie sollen Kinder zu pflegeleichten und reibungslos funktionierenden Rädchen in der Kita-Maschinerie machen, die möglichst wenig Betreuungsaufwand verursachen. Erzieherinnen sehen es am liebsten, wenn die Kinder den ganzen Tag still vor sich hin spielen, ohne viel Unordnung zu verursachen. Noch besser ist es, wenn die Kinder dösen. In einigen Kitas gibt es sogar speziell eingerichtete Räume, die die Kinder zum Dösen verleiten sollen. In anderen Kitas werden die 

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Kinder mittels extremen psychischen Druck zum Schlafen gezwungen. Immer mit der Behauptung, es wäre gut für die Kinder selber.


Um den Betreuungsaufwand möglichst gering zu halten, legen Erzieher und Erzieherinnen auch so auffallend gesteigerten Wert darauf, dass Kinder Regeln einhalten, denn Kinder, die immer nur alle Regeln einhalten, bedeuten weniger Arbeit für die Erzieher. Dabei weiß doch jeder: Wer immer nur die Regeln einhält, der wird es im Leben nicht weit bringen. Alle Spitzen-Manager, Spitzen-Sportler, Spitzen-Künstler, Spitzen-Wissenschaftler und sonstige Menschen, die irgendetwas bemerkenswertes zu Stande gebracht haben, haben in den entscheidenden Momenten ihres Lebens gerade nicht die Regeln eingehalten. Natürlich darf man nicht immer und überall alle Regeln übertreten. Man muss eben im richtigen Moment die richtigen Regeln in geeigneter Weise übertreten – doch genau das lernen die Kinder in keiner Kita. Wer immer nur die Regeln einhält, wird Verwaltungsbeamter – oder Kita-Erzieher. Das sind natürlich auch ehrenwerte Berufe. Doch wer wirklich herausragenden Erfolg im Leben haben will, der muss in den entscheidenden Momenten alles geben – und die richtigen Regeln übertreten. Aber erklären Sie das mal einer Erzieherin ...


Kindergärten sind als eine Reaktion auf Verwahrlosung von Kindern wegen der fortschreitenden Ökonomisierung entstanden und gerade nicht, um Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Ich vermute sogar, dass viele Kinder, die in Kindergärten betreut werden, gegenüber Kindern, die in natürlichen Entwicklungsumgebungen aufwachsen, wie sie heute noch in traditionell lebenden, nomadischen Gesellschaften oder vielleicht auch annähernd auf Dörfern und Bauernhöfen vorzufinden sind, erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen. Anders als gerne behauptet, fördert der Besuch eines Kindergartens gerade nicht Selbständigkeit und Autonomie bei Kindern, sondern das genaue Gegenteil: Unterordnung unter den Willen fremder Erwachsener – also unter den Willen von Individuen, denen sie in der gesamten 

Menschheitsgeschichte besser aus dem Weg gegangen sind. Besonders rigoros fordern diese Unterordnung die berüchtigten autoritären Erzieher und Erzieherinnen, die bevorzugt durch Angst, Verunsicherung und Demütigungen den Kindern ihren Willen aufzwingen. Eltern werden nie erfahren, wie autoritär es in einigen Kitas wirklich zugeht, denn wenn sie anwesend sind, verwandeln sich diese Erzieherinnen plötzlich in die freundlichsten und zuvorkommendsten Wesen. Echte Jekyll & Hyde-Erzieherinnen. Das kann zu tragisch-komischen Situationen führen, zum Beispiel dann, wenn eine Mutter ihr Kind im Kindergarten abgeben will und das Kind sich aus für die Mutter unerfindlichen Gründen dagegen sperrt. Die Mutter versucht dann ihr Kind auf eine freundlich wirkende Erzieherin hin zuzuschieben, während das Kind sich nach Kräften dagegen sträubt und seinen Körper versteift, weil es weiß, dass die so freundlich wirkende Erzieherin in dem Moment, in dem die Mutter die Kita-Tür von außen geschlossen hat, ihre Jekyll-Maske fallen lassen wird und ihr wahres Hyde-Gesicht zum Vorschein kommt. Die Mutter hat, ohne es zu wissen, ihr Kind geradewegs in die Fänge des Kita-Drachens geschoben. Das Kind wird es der Mutter mit vermehrtem Misstrauen vergelten.


Aus den Nachfragen vieler Eltern, die am Nachtmittag ihre Kinder abholen, was man denn „den ganzen Tag so gemacht“ habe, wird deutlich, dass Eltern nur eine vage Vorstellung von den Vorgängen in Kitas haben, aber durchaus gerne mehr wüssten. Geübte Erzieherinnen schaffen es, über die banalsten Alltäglichkeiten – Spielsequenzen, die mal ohne Streit abliefen, kleine Bauwerke im Sandkasten – mehrere Minuten zu erzählen: „Er / Sie hat so schön gespielt, zusammen mit Soundso … das war so schön anzusehen. Ganz toll!“ Und schon erscheint ein Lächeln auf den Lippen von Mama. Weil es aber nicht so sehr nach Expertentum aussieht, den Kindern lediglich genügend Raum und Zeit zum selbständigen Spielen zu geben und von Zeit zu Zeit eine vorzeigbare Malerei oder Bastelei produzieren zu lassen, wurden Methoden entwickelt, die nach „professioneller Pädagogik“ aussehen, die der Betreuung von Kindern im Kindergarten 

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einen „wissenschaftlicheren“ Touch geben sollen, Methoden der „Datenerhebung“ von den Aktivitäten der Kinder: Man legt Beobachtungsbögen an, füllt Entwicklungstabellen aus, „arbeitet“ mit dem Sprachlerntagebuch, vergleicht das Verhalten des Kindes anhand von Skalen – im Grunde dienen diese gesamten Prozeduren ausschließlich dazu, den Eltern zeigen zu können: „Wir Experten machen etwas, was Sie als Eltern nicht können, weil sie keine pädagogische Ausbildung haben.“ Die Kinder haben nur bedingt etwas von diesen Methoden, die Professionalität simulieren sollen. Ihnen wäre weitaus mehr geholfen, wenn sich die Betreuer auch mal auf sie einlassen würden, wenn sie auf Wunsch der Kinder mit ihnen spielten und wenn sie – was leider gar nicht so selten vorkommt – dabei helfen würden, dass ausgegrenzte Kinder sich besser in die Gruppe integrieren können. Warum dies viele Erzieherinnen nicht leisten können oder wollen, schildere ich ausführlicher im zweiten Teil, in dem ich über einige meiner Erfahrungen berichte, die ich während meiner achtjährigen Arbeit als Erzieher in Berliner Kitas erlebt habe. Diese Erfahrungen haben nichts mit der geglätteten Außenfassade zu tun, wie sie gerne in Kita-Broschüren transportiert wird. Ich beschreibe die aus meiner Sicht drängendsten Probleme in der Kinderbetreuung und einige Verbesserungsmöglichkeiten.


Weil Pädagogen sich so viel einfallen lassen, um Erziehung als eine komplizierte Angelegenheit erscheinen zu lassen, die ohne eine fachliche Ausbildung gar nicht zu bewältigen wäre, sind viele Eltern mittlerweile völlig verunsichert, wie sie sich ihren Kindern gegenüber richtig verhalten sollten. Dabei gibt es ja nach wie vor kein Rezept für eine gelungene Erziehung, auch wenn Erzieher einen anderen Eindruck zu erwecken versuchen. Es herrscht noch nicht einmal Konsens darüber, was überhaupt unter einer „gelungenen Erziehung“ genau zu verstehen ist. Gilt es als eine gelungene Erziehung, wenn das Kind aufs Wort gehorcht? Und soll es jedem aufs Wort gehorchen, oder nur den Eltern und den Erziehern und den Lehrern und dem Pfarrer und den Ausbildern und dem Vorgesetzten 

und dem Arbeitgeber und den Behördenmitarbeitern und den Polizisten und so weiter … also dann doch irgendwie jedem? Oder sollte es sich besser eine eigene Meinung bilden können? Doch wie viel eigene Meinung darf es sein und ab welchem Alter? Die Ansichten darüber gehen mehr denn je auseinander. Die Eltern verlieren immer mehr ihre Intuition im Umgang mit ihren eigenen Kindern, je mehr Ratschläge sie sich holen. Dabei ist Erziehung hoch individuell, von der Stimmung, den Beziehungsverläufen, dem Kontext abhängig. Es gibt einfach keine immer gültigen Regeln. Vor allem die einfache Regel: Kinder müssen sich an Regeln halten - der Kern der (eigennützigen) Erziehungsempfehlungen von Erzieherinnen – ist wenig hilfreich, denn jede Regel muss auch Ausnahmen kennen, weil menschliche Beziehungen keine Computerprogramme sind.


Dass die Pädagogik in einer ernsten Krise steckt, ist kein exklusiver Befund von mir. Viele Pädagogen sehen das genauso und zwar schon seit langem. Sie sprechen von der Auflösung des Erziehungsbegriffs, vom Zerfließen des Gegenstandes der Erziehung, von Begriffswirrwarr, von Sprachverwirrung. Andere beklagen die Vielfalt und Uneinheitlichkeit der verschiedenen pädagogischen Theorien, Methoden und Ansätze. Es gibt noch nicht einmal ein einheitliches Studium der Pädagogik an den Universitäten. Jede lehrt etwas anderes. Selbst für die zentralen Begriffe Erziehung und Bildung gibt es keine einheitliche Definition. Eine Wissenschaft, die ihre zentralen Gegenstände nicht in den Griff bekommt, hat ein massives Problem. Daran kann auch die vielsagende Um-Etikettierung von Pädagogik in Erziehungswissenschaft nichts ändern. Warum Pädagogik meiner Meinung nach gar keine echte Wissenschaft ist, was sich unter anderem auch in ihrem mannigfachen Scheitern äußert, erläutere ich im dritten Teil dieses Buches. 


Bei meiner Tätigkeit in den verschiedenen Kitas in Berlin sind mir auch die außerordentlichen Qualitätsunterschiede sowohl zwischen verschiedenen 

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Kitas, als auch unter den einzelnen Betreuern aufgefallen. Selbst in ein und derselben Kita kann in zwei verschiedenen Gruppen eine vollkommen unterschiedliche Arbeitsatmosphäre herrschen. Dabei habe ich weder in den allerbesten noch (vermutlich) in den allerschlechtesten Kitas, die es gibt, gearbeitet. Zwischen den allerbesten und den allerschlechtesten Kitas muss ein Unterschied herrschen, wie Tag und Nacht. Ein Kind kann ebenso wenig entscheiden, in welche Familienverhältnisse es hineingeboren wird, wie es entscheiden kann, in welche Kita es gehen muss. 


Auch Eltern, die alles richtig gemacht haben bei der Kita-Auswahl (falls sie eine Wahl hatten), können sich nie wirklich sicher sein, was ihr Kind in der Kita erlebt, wie es von den Betreuern behandelt wird, wenn die Eltern gegangen sind. Größere Kinder können immerhin davon berichten. Bei den kleineren Kindern sollten die Eltern genau auf die Körpersprache ihres Kindes achten. Wenn es sich dauerhaft sträubt, sollten Eltern ihrem Kind mehr vertrauen, als den Beteuerungen der Erzieherinnen. Eltern sollten hellhörig werden, wenn Erzieherinnen versuchen, ihrem Kind die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass es sich in ihrer Kita nicht wohlfühlt. In der Regel liegt der Grund dafür nicht beim Kind, sondern beim mangelnden Engagement der Betreuer.


Dabei wäre es so simpel für eine wesentliche Verbesserung in der Betreuungsqualität zu sorgen. Die verantwortlichen Politiker müssten lediglich für eine maßvolle Überkapazität von etwa zwanzig Prozent der Betreuungsplätze sorgen, damit Eltern eine Auswahl haben und auch glaubhaft mit einem Kita-Wechsel drohen könnten. („Wenn unser Kind sich bei Ihnen nicht wohlfühlt, gehen wir eben woanders hin.“) Wenn Erzieher und Erzieherinnen spüren, dass ihnen bei mangelndem Engagement auch Gehaltseinbußen drohen könnten oder im schlimmsten Fall sogar der Arbeitsplatzverlust, wird das bei ihnen einen Motivationsschub auslösen. Der Clou: Diese Überkapazität von zwanzig Prozent der Betreuungsplätze würde höchstens zehn Prozent Mehrkosten verursachen, weil die Hauptkosten der Betreuung ja pro Kind entstehen und die sich nicht 

vermehren. Es würden nur etwas höhere Mietkosten fällig. Außerdem entstünden so en passant kleinere Gruppen und die räumliche Enge könnte etwas entschärft werden. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden in den letzten Jahrzehnten in eine Verbesserung der Betreuungsqualität geflossen sind, die wirkungslos verpufft sind, fallen die zehn Prozent Mehrkosten noch bescheidener aus.


Wenn die Wahrheit aus unangenehmen Tatsachen besteht, sollte man dann besser darüber schweigen? Ich glaube das nicht und bin in diesem Buch auch an keiner Stelle nach diesem Prinzip verfahren. Da ich den „pädagogischen Wahrheiten“, Pädagogen würden sich immer nur um das Wohl ihrer Schützlinge kümmern und Kinder könnten sich ohne die Hilfe von Pädagogen gar nicht richtig entwickeln, ziemlich schnell misstraute, habe ich mir lieber ein eigenes Bild verschafft von Erziehung, der Geschichte der Kinderbetreuung und der Geschichte der Kindheit insgesamt. Schließlich bin ich, fast automatisch, bis zur Entstehung der Menschheit vorgedrungen. Was sich mir da, mit Hilfe der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unserer Zeit, offenbarte, gereicht unserer Spezies allerdings nicht zur Ehre. Um das innerste Wesen des Menschen wirklich verstehen zu können, sind diese Erkenntnisse aber unerlässlich. Die dramatischsten Details in der Geschichte der Kinderbetreuung konzentrieren sich im 4. Kapitel. Leserinnen und Leser, die sehr sensibel reagieren, sollten dieses Kapitel nicht selber lesen, sondern sich seinen Inhalt von Freunden in verdaulichen Portionen nacherzählen lassen.